Presse zu „Ophelia - Shakespeare in den Städten“

 

Neues Deutschland - (04.11.2011)

 

„Prinz am Imbiss“

 

Theater.Macht.Staat interpretiert Hamlet

 

Hamlet ein verweichlichtes Muttersöhnchen mit Hang zur Astrophysik, seine Mama eine versoffene alte Schlampe, Ophelia (ganz in rosa) dumm bis zum Stumpfsinn: Die junge Theatertruppe »Theater.Macht.Staat« hat Shakespeares klassisches Drama in die Niederungen der heutigen urbanen Gesellschaft gezerrt und kräftig entstaubt. Und als Stück im Stück gibt es in »Ophelia. Shakespeare in den Städten« auch noch einen Schnellkurs in Sachen Hamlet.

 

Die Kenntnis des Originalstücks erhöht ganz klar das Vergnügen an dieser frechen Adaption. Auch wenn diese großteils nicht am dänischen Königshof spielt, sondern rund um die Imbissbude »Globe«. Hier führt Hamlets blond gelockte Mutter Fortuna in engem Leoparden-Catsuit und oberschenkelhohen Lackstiefeln rüde Regie und scheucht ihre Angestellte Ophelia ebenso herum wie ihren verträumten Sohn Hamlet. Der hält sich zwar für einen Ausbund an Intelligenz, im Gegensatz zu seiner »verschissen dummen« Geliebten, putzt aber trotzdem brav den Grill und lässt sich von den beiden Punks Rosenkranz und Güldenstern triezen.

Im Drogenrausch träumt sich der Imbissbuden-Hamlet in die Originalgeschichte, die den Zuschauern im Schnelldurchlauf vorgeführt wird - in der wunderbaren altenglischen Sprache Shakespeares; Orientierungshilfe gibt ein Blatt mit der Szenenabfolge. Flugs verwandelt sich die Imbissbesitzerin in eine Königin und Hamlet in einen Prinzen, die beiden Punks geben die Hofnarren, und das Drama um Rache und Täuschung nimmt seinen Lauf. Bis Hamlet am Ende von der Realität eingeholt wird...

 

Zartbesaitete Gemüter dürften bei etlichen recht derben Szenen zusammenzucken, für alle anderen ist der Mix aus Prekariatsgeschichte und Originalstory ein echtes Vergnügen. Zumal Regisseurin Sonja Keßner, die auch den Text schrieb, ihren Darstellern immer wieder großartige Sätze in den Mund legt. Ob Hamlets schnapsselige Mutter Kapitalismus-Kritik übt (»Wir fressen die Krümel vom Wohlstandskuchen und denken auch noch, es seien Butterkekse!«) und von einem Imbiss-Imperium träumt oder Rosenkranz und Güldenstern ihren Freund Hamlet veralbern (»Zieh' Dir 'ne Line Shakespeare rein«): Manchmal leidet das Stück an Überfrachtung und verheddert sich, doch bei allem zynischen Witz scheint echte Wut auf die gesellschaftlichen Verhältnisse und die mangelnde Protestbereitschaft durch.

 

Durchweg glaubwürdig und leidenschaftlich hangeln sich die Darsteller durch die Inszenierung, allen voran Jana Goller als naiv-verlorene Ophelia und Stefan Kreißig als Hamlet. Eine engagierte, lässige »Hamlet«-Interpretation von begabten jungen Theatermachern.

 

 

Von Anouk Meyer