Presse zur Gründung von „Theater.Macht.Staat“

 

Sozialistische Tageszeitung - (12.8.10)

 

„Und wenn es das letzte ist ...“

 

Das neue Ensemble »Theater.Macht.Staat« möchte Menschen anregen, sich zu positionieren

Vorbild »Kommune 1«: das Ensemble Theater.Macht.Staat. Die eine wollte Laternenanzünderin werden, die andere sollte in ihrem schwäbischen Heimatstädtchen Bankkauffrau lernen. Zum Glück haben Sonja Keßner aus Berlin und Jana Goller aus Baden-Württemberg rechtzeitig ihre Leidenschaft für die Bühne entdeckt. Noch ist die Ausbildung an der Schauspielschule Inac nicht ganz beendet, da haben die beiden jungen Frauen zusammen mit drei Gleichgesinnten schon ihr erstes Ensemble gegründet: Theater.Macht.Staat nennt sich das mutige Projekt, mit dem die jungen Darsteller ihre Vorstellung von Theater verwirklichen wollen.

 

»Wir wollen gestalten, wir wollen berühren, gegen Kleingeistigkeit, Zynismus und Pessimismus agieren«, beschreibt Sonja Keßner, geistiger Motor der Truppe, das Hauptanliegen von Theater.Macht.Staat. Der doppeldeutige Name ist mit Absicht gewählt und soll irritieren und zum Reflektieren anregen. Die nachdenkliche junge Berlinerin hat sich, das merkt man, viele Gedanken gemacht über ihre Generation, die als brav, abgeklärt, und unpolitisch gilt – und will mit dem Theater aufrütteln und »im besten Fall, die Menschen verändern«. Die fröhliche Jana Goller drückt es salopp aus: »Am schlimmsten ist diese Scheißegal-Haltung. Die Leute sollen sich irgendwie positionieren!«

 

Kennen gelernt haben sich die beiden jungen Frauen beim Studium an der Schauspielschule Inac (International Network of Actors). Die Theaterakademie in Pankow will ihren Schülern in drei Jahren nicht nur handwerkliche Fähigkeiten für den Beruf des Theater- und Filmschauspielers vermitteln, sondern liefert auch den theoretischen Überbau und bereitet die angehenden Schauspielprofis auf den Konkurrenzkampf vor.

 

Trotzdem durchlief Sonja Keßner, die in Kürze ihren Abschluss macht, einen frustrierenden Vorsprech-Marathon. Der Umgang mit den jungen Talenten, die oft hunderte Kilometer quer durch Deutschland reisen, um eventuell eine winzige Rolle zu ergattern, nervte bald, ebenso die Erwartungshaltung, »dass man froh sein darf, überhaupt auftreten zu dürfen, auch ohne Gage«. Dabei verschlinge allein die Ausbildung einiges an Kosten, von Miete und Lebenshaltungskosten ganz zu schweigen. Jammern ist jedoch nicht Sonjas Sache und so gewann die Idee, selber etwas auf die Beine zu stellen, mehr und mehr an Reiz – und mit der Zeit infizierte sie ihre Mitbewohnerin Jana Goller, 2. Studienjahr, mit ihrem Engagement. Weitere Mitstreiter waren bald gewonnen: Barbara Grieschat aus Hamburg, Bianca Müller sowie Matthias Wagner als »Hahn im Korb«. Alle sind sie Inac-Kommilitonen in unterschiedlichen Semestern.

 

 

 

Auch ein Stück gibt es bereits, eine »Faust«-Adaption, geschrieben von Sonja Keßner, die auch Regie führt. Die Rollen hat sie ihren Kollegen auf den Leib geschrieben – »das ist der Vorteil, wenn man sich so gut kennt«. Auch hat sie den klassischen Stoff geschickt abgeändert, um die Themen anzusprechen, die ihr am Herzen liegen: gegen die ironische Haltung ihrer Generation anzugehen, Abgeklärtheit und Zynismus zu ersetzen durch echte Gefühle. »Wir sind neu, wir sind jung und wir haben das tiefe und ehrliche Bedürfnis, etwas raus zu schreien – und wenn es das letzte ist, was wir tun!«, ruft Jana Goller und muss selbst lachen, über soviel Dramatik und Idealismus.

 

Premiere ist am 23. Oktober in der Theaterkapelle am Friedhof Boxhagener Straße, ein Ort, der, wie die beiden Schauspielerinnen meinen, gut zu ihnen passt, zu ihrer romantischen Grundhaltung und der sakralen Idee, die dem Theater ursprünglich zugrunde liegt. Die künstlerische Leiterin Christina Emig-Könning, eine engagierte Theatermacherin, war schnell bereit, dem frisch gebackenen Ensemble den Ort zur Verfügung zu stellen.

 

Noch allerdings wird in den Räumen der Inac-Theaterakademie geprobt. Denn nach einigen zeitraubenden Bewerbungen auf öffentliche Fördergelder, stemmen die jungen Leute ihr Projekt nun selbst. Premiere am 23. Oktober, 20 Uhr, in der Theaterkapelle, Boxhagener Str. 99, Friedrichshain; Infos unter www.theater-macht-staat.com

 

 

Von Anouk Meyer

Foto: Simon Heydorn - „Ophelia“